BERLIN

BERLIN

Kreuzberg 8 Uhr morgens in Berlin Friedrichshain. Der Bus setzt sich in Bewegung. An Bord 37 Kursstüfler, 2 Lehrerinnen, 1 Referendar und der Busfahrer Georg.
Alle schlafen… Nur 2 Leute sind wach, einer davon der Busfahrer – Gott sei Dank!!!
Die Landschaft wird langsam wieder grüner. Ganz anders, als wir es die letzten fünf Tage gesehen haben. Denn Berlin ist eine Großstadt –in allen Bereichen!
3,5 Millionen Einwohner, unterteilt in 12 Kieze. Etwa 60% Atheisten, gefolgt von 29% Christen. Was für ein Durcheinander!!! So viele verschiedene Kulturen auf einem Haufen mit der Fläche von 891,67 qkm.
Wir verlassen den zähen Stadtverkehr und rasen auf die Autobahn. Hoffentlich dieses Mal ohne ungewollten Pannenstopp… Weitere 213min Zwischenstopp inklusive Warten auf Pannenhilfe sind nicht unbedingt nötig.
Doch bis jetzt meistert Georg seine Arbeit mit Bravour –egal ob Panne auf der Hinfahrt oder für einen Bus scheinbar unbezwingbar schmale Hosteleinfahrt –wir sind bei ihm gut aufgehoben!

Doch was ist jetzt los?! Ich schaue aus dem Fenster und was sehe ich da: STAU! Prompt schweifen meine Gedanken wieder ab ins Kilometer weit entfernte Berlin und dessen verstopfte Straßen. Alle 100m eine Ampel –natürlich auf Rot! Scheinbar unaufhörliche Massen von Autos und mindestens doppelt so viele Fußgänger und Radfahrer wollen schnellstmöglich an ihr Ziel… und das alles ohne Rücksicht auf Verluste! Doch das Einzige, was man verliert ist Zeit –und vielleicht ein paar Nerven… Mein Ratschlag an Dich: Für einen Kilometer sollte man hier mindestens 1,27 Stunden einplanen.
Weiter geht unsere Fahrt. Immer noch schläft der Bus bzw. dessen Insassen.
„Über den Wolken, ay ay ay ay, muss die Freiheit wohl grenzenlos sein… “, schallt es aus dem Radio. Fast so, wie vom Berliner Fernsehturm nach unten zu schauen. Endlose Weiten. Blick über die ganze Stadt…
Von unten, für uns Landeier, eine super Orientierungshilfe in dieser Millionenstadt! Apropos Orientierung: Mal ehrlich! Wenn in jedem Winkel ein Schinkel steht –würdest Du dich da etwa zurecht finden?!
Nach unserem Aufenthalt in Berlin jedoch, haben wir langsam den Dreh raus.
Ob U-Bahn, S-Bahn oder Bus, damit ist jetzt leider Schluss.
Denn jetzt geht’s ab nach Hause, S5 und S7 haben jetzt erstmal Pause!
Als ob unser treuer Busfahrer es gehört hätte, steuert er einen Rasthof an. Endlich! Zeit zum Essen –ich habe so Hunger! Auch die restlichen Mitschüler werden wach –wie Erdmännchen strecken sie suchend ihre Köpfe in die Luft. Der Geräuschpegel steigt. „Will noch jemand Zopf? Oder ein Schoko Bon?“ –es wird getauscht, gehandelt und geklaut! Ans ständige Schlemmen haben wir uns alle gewöhnt. An jeder Berliner Straßenecke lauerte eine neue oder unbekannte Leckerei auf uns. Von Vöner über Currywurst bei Curry36 bis hin zu Mustafas Dönerladen ist alles möglich –und das alles zu Spottpreisen!
Zurück in den Bus! Sind alle da? Tatsächlich, alle pünktlich! 
Beim Blick nach hinten in den Bus sind die Nachwirkungen der vergangenen Abende und Nächte noch deutlich zu erkennen… Grund dafür ist wohl höchstwahrscheinlich die benachbarte Cocktailbar, die Dank uns ihren Umsatz erheblich steigern konnte…
Generell erhält man in Berlin überall leckere Getränke und man wird von den leuchtenden Reklametafeln angezogen wie Mücken vom Licht. Anstrengende Tage, lange Nächte und wenig Schlaf sorgen dafür, dass alle (der eine mehr, der andere weniger) in den Seilen hängen…Planspiel-im-Bundesrat
Doch auch die blaueste Schnapsleiche ist bestimmt bald wieder über ‘n Berg!
Obwohl – „Berg“ ist vielleicht nicht das richtige Wort. Wenn man von südlichen Verhältnissen ausgeht, so würde in Berlin „Hügelchen“ besser zutreffen. Die Berliner sind trotzdem alle mächtig stolz auf ihren 66m hohen Kreuzberg, der damit auch die „höchste“ innerstädtische Erhebung in Berlin ist.
Da fällt mir gerade wieder der Kiezspaziergang in Kreuzberg 61 ein, bei dem uns Tourguide Karsten durch sämtliche hochinteressanten Hinterhöfe führte. Nach einem kurzen Ausflug in die Schwulen- und Lesbenszene offenbarte Karsten uns, dass Touristenführer sein Traumberuf sei…  –Lieber Karsten, vielleicht solltest Du das nochmal überdenken! Unsere Nachfolger werden Dir sehr dankbar sein! –
Wesentlich interessanter war dagegen die geführte Radtour am Montag. Ausgerüstet mit todschickem Helm, antikem Fahrrad, das wenn man sehr viel Glück hatte, mit 3 Gängen ausgestattet war, machten wir in großen Kleingruppen die Straßen Berlins unsicher.
- Ich befürchte, die Vorfahrtsregeln sollten dringend nochmal wiederholt werden!  -
Genauso sicher und zuverlässig wie unser Busfahrer brachten uns die drei Gruppenführer sowohl zur Wohnung von Angela Merkel, zum Prenzlauer Berg als auch zum Brandenburger Tor. Um der unfreiwilligen Dusche zumindest teilweise aus dem Weg zu gehen, fanden wir dort auch Unterschlupf.

Sinnbildlich für den ersten Teil unseres Aufenthaltes in Berlin fallen schon wieder ein paar dicke Regentropfen auf die Frontscheibe unseres Busses. Statt bei 30℃ und schönstem Wetter am Bodensee stapften wir mit Regenjacke, Schirm und langer Hose ausgerüstet durch die Hauptstadt. Doch das Berliner Wetter konnte unsere Laune in keinster Weise trüben und während ich im trockenen Bus sitze denke ich zufrieden an die Highlights der Woche zurück:
Ein Weiteres war sicherlich der Bundestag. Auf die Sicherheitskontrolle, bei der man von Pfefferspray, Musikbox und Taschenmesser enteignet wird, folgte die Vorstellung des Plenarsaals. Im Aufzug zusammengequetscht fuhren wir hinauf zur Kuppel des Bundestags. Nach einer ausgiebigen Fotosession über den Dächern Berlins wurden wir unterirdisch ins Paul-Löbe- Haus geführt, wo wir eine durchaus nahrhafte Suppe inklusive Apfel(!) vorgesetzt bekommen haben.
Ich werde aus meinen Gedanken gerissen… Es erklingt:
„Willst du mit mir Drogen nehmen? Dann wird es rote Rosen regnen. Ich hab's in einer Soap gesehen. Willst du mit mir Drogen nehmen? Komm, wir geh'n, komm, wir geh'n zusamm'n den Bach runter. Komm, wir geh'n, Komm, wir geh'n zusamm'n den Bach runter. Denn ein Wrack ist ein Ort, an dem ein Schatz schlummert.“
Aber zwischen Schatz und Drogen stehen Welten… Alle sind sie in Berlin präsent.
Beim Laufen durch die Straßen sieht man die unterschiedlichsten Menschen. Also wirklich unterschiedlich… ich meine: hast Du schon mal am Bodensee Punky, Hippie, Rapper und Bänker auf einem Haufen gesehen? In Berlin ist diesbezüglich alles möglich. Die verschiedensten Kulturen, Musikrichtungen, Charaktere und Leidenschaften sind hier vertreten. Spontane Tanzeinlagen von nicht mehr ganz nüchternen Menschen zur Straßenmusik sind eher Regel als Ausnahme.
Mindestens so häufig bekommt man die Berliner Schnauze zu hören. Überaus freundliche Sätze ganz ohne angreifenden Unterton wie „ links stehn, rechts stehn… ihr seid wohl vom Land!?“ sind keine Seltenheit auf den Berliner Rolltreppen. Wir bekamen den Ratschlag entweder zu kontern, gekonnt freundlich zu reagieren oder aber zu ignorieren.
Wir haben aber durchaus auch Bekanntschaft mit überaus freundlichen, humorvollen und interessanten Menschen gemacht. Mir fällt als erstes Beispiel sofort und unverzüglich der Reiner ein. Als kleine Erklärung: der Dellmuth Reiner ist einer der Zeitzeugen die durch die Gedenkstätte Hohenschönhausen führen. Mit viel Sarkasmus und Sätzen wie: „ Alles jut, alles schick, mein Herzchen?“ sorgte er trotz der bedrückenden Geschichte stets für viele Lacher und einen sehr interessanten Einblick in die Geschichte, denn: „Geschichte ist ein geiles Fach!“
Ruckl, Ruckl –der Bus wird langsamer. Wir nähern uns einer Baustelle. Viele orangehelmige Menschen tummeln sich auf der Straße –genau wie in Berlin!

An jeder Ecke (um nicht zu sagen: Immer und überall) wird vergrößert, erneuert und modernisiert. Welches Ausmaß soll damit erreicht werden? Was wollen die Berliner und der Staat damit eigentlich bezwecken?  –Eine Milliardenstadt aus einer Millionenstadt?! Nicht zu vergessen die Erhöhung des ohnehin schon enormen Lärmpegels…
Baustelle, orangene Hütchen, Absperrungen –irgendwie erinnert mich das an die Berliner Mauer, also an die heutige Eastside Gallery. Der Spaziergang an der Mauer entlang löste nicht nur ein stetiges knipsen der Fotoapparate aus, sondern auch Erinnerungen an Geschichtsstunden und Infos über die innerdeutsche Teilung.
Verrückt, farbenfroh, vielseitig.
So zieht die Mauer uns, die Besucher, in ihren Bann. Einer von vielen weiteren Farbklecksen sind die – über die gesamte Stadt verteilten –  Bären, die als Symbol für „Bärlin“ stehen.
Wie gut, dass wir auch davon so viele Bilder gemacht haben!

Gegen Ende der Fahrt packt uns die Sehnsucht nach unserer Hauptstadt und wir schwelgen –mit Hilfe unserer unzähligen Fotos –wieder einmal in Erinnerungen.
Der Bus kommt zum Stehen. 37 Kursstüfler, Frau Thum-Kehl und Frau Huber, Herr Ehehalt und der Busfahrer Georg steigen aus.
19 Uhr abends in Überlingen.